Meckenbeuren Hunderte Kilometer zu Fuß über teils ungesicherte Pfade bei jeder Witterung durch die österreichischen Alpen. Dazu kommen Hunger, Heimweh und die Ungewissheit über Ziel und Erfolg der beschwerlichen Reise - und das alles im Alter von zehn Jahren oder jünger: Das war das Schicksal der „Schwabenkinder“ noch bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Vielerorts konnten die Kinder in den Alpen von ihren Eltern nicht ernährt werden und machten sich so auf den Weg nach Oberschwaben, wo sie den Sommer über auf den Höfen der Bauern mitarbeiteten - oft für Hungerlöhne. Doch obwohl dieser faszinierende wie bewegende Teil der Geschichte in vielen Schulen der Region unterrichtet wird, ist heute kaum vorstellbar, was die Kinder damals durchmachen mussten.
Um dies zu ändern, hat sich die Klasse 6b der Realschule Meckenbeuren auf eine Wanderung mit drei Etappen begeben - und den Weg der „Schwabenkinder“ nachempfunden. „Ich habe 2012 schon einmal mit einer Klasse eine Wanderung auf den Wegen der Schwabenkinder unternommen“, erzählt Lehrerin Silke Müller auf dem Parkplatz des Hopfenmuseums in Tettnang, wo die SZ sie gemeinsam mit ihrer Klasse trifft. Hier startet die Gruppe die dritte und letzte Etappe der langen Wandertour in Richtung „Kindermarkt“ Ravensburg.
„Solch ein anstrengendes Projekt kann man sicher nicht mit jeder Klasse in Angriff nehmen. Aber ich kenne die Kinder schon seit fast zwei Jahren und habe eigentlich die ganze Zeit damit geliebäugelt, die Wanderung durchzuführen. Erstmals seit 14 Jahren habe ich das wieder einer Klasse zugetraut und bin jetzt wirklich stolz auf meine Schüler“, so Müller.
Auch wenn die Schulklasse mitsamt drei Lehrern zur Begleitung „nur“ 40 Kilometer unterwegs war und nicht teils mehrere hundert Kilometer, wie die Schwabenkinder von einst, erfüllte die Wanderung ihren Zweck vollends. „Wir haben fast alle einen ziemlichen Muskelkater“, erzählt Lehrerin Silke Müller mit einem Schmunzeln. So konnte die Wandergruppe zumindest in Ansätzen erleben, was die „Schwabenkinder“ von einst durchmachen mussten.
Die Klasse absolvierte die 40 Kilometer in drei Tagen. An Tag eins ging es von Galtür in Österreich übers Zeinisjoch bis ins Montafon. Nach einer Fahrt mit Bus und Zug übernachtete die Gruppe in Bregenz, wo es von einer Jugendherberge aus an Tag zwei zunächst nach Friedrichshafen ging. Dort besichtigte die Realschulklasse aus dem Bildungszentrum die Schwabenkindertafeln am Medienhaus.
„Eigentlich sollte diese Etappe dann noch nach Tettnang führen. Allerdings ist uns ein starkes Unwetter dazwischengekommen.“ So habe die zweite Etappe dann einige Stunden früher abgebrochen werden müssen. Mit Elterntaxis ging es dann vorerst nach Hause.
Dem einen oder anderen Sechstklässler und Lehrer ist vor dem Start der dritten und letzten Wanderetappe bereits die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Wanderkamerad Maximilian (12) ist auf dem Parkplatz des Hopfenmuseums in Tettnang allerdings noch voll motiviert: „Die erste Etappe war trotz der vielen Höhenmeter eigentlich nicht so anstrengend, wie ich dachte“, so der junge Meckenbeurer. „Eigentlich mussten wir nur 200 Meter nach oben, dafür ging es über 800 Meter bergab.“ Da der Weg teils mit Wurzeln übersät gewesen sei, hätten einige seiner Klassenkameraden den Halt verloren.
„Weiter unten mussten wir dann eine steile Wiese überqueren, an der es keine Seile zum Halten gab. Auch da gab es Stürze“, erzählt Maximilian. Allerdings haben die schwierige Wanderung alle Schüler unverletzt überstanden.
Das Projekt findet im Rahmen des Deutschunterrichts statt. Derzeit lesen die Schüler den Jugendroman „Hungerweg“ von Othmar Franz Lang. Das Thema soll den Jugendlichen so besser erfahrbar gemacht werden. „Mein Ziel war es, die Schüler an ihre Grenzen zu bringen“, erklärt Lehrerin Silke Müller. „Wir wollten, dass sie eine Persönlichkeitsentwicklung durchmachen. Viele haben noch nie so viel Weg in so kurzer Zeit zurückgelegt. Einige sind im Voraus mit ihren Eltern sogar probegewandert.“
Auch der Verzicht auf das Handy sei sehr gewöhnungsbedürftig für den Großteil der Klasse. „Aber auch die Organisation ohne die eigenen Eltern ist ungewohnt für viele Zwölfjährige.“ Dazu käme noch die Unterstützung von Klassenkameraden, die an der einen oder anderen Stelle Probleme gehabt hätten, so Müller.
Doch hat das Projekt sein Ziel erfüllt? „Ich habe davor schon öfter von dem Thema gehört, weil es immer wieder im Unterricht durchgenommen wird“, erklärt Niklas (12). „Aber durch die Wanderung haben wir gesehen, was die Kinder damals durchleben mussten. Und die sind teilweise noch mehr als das Doppelte gelaufen.“
Während des Treffens mit der Klasse kann Lehrerin Silke Müller dann unter großem Jubel der Schüler verkünden, dass am Tag nach der Wanderung die erste Stunde entfalle. Einen Tag später dann die erfreuliche Nachricht an die Redaktion: Die Klasse mitsamt Lehrern erreichte ihr Ziel auf dem „Kindermarkt“ in Ravensburg wie angepeilt. Nachdem die Sechstklässler nun hautnah erleben konnten, welche Entbehrungen die Kinder, teils nicht älter als fünf Jahre, vor über einem Jahrhundert auf sich nehmen mussten, schauten sie zum krönenden Abschluss am Folgetag gemeinsam im Unterricht den Film „Schwabenkinder (Die Geschichte des Kaspanaze)“ an.



















